Das religiöse Leben

In diesem Abschnitt werden wir drei Aspekte des Lebens im Ordensstand betrachten: Das Gemeinschaftsleben, das geweihte Leben und das Ordensgewand.

Gemeinschaftsleben

Auch wenn es, in gewisser Hinsicht, wahr ist, dass das Leben in Gemeinschaft die größte Buße ist, so ist es doch auch wahr, dass in der Mathematik eins und eins zwei ergeben, während ein Mensch und ein anderer Mensch zweitausenden entsprechen. Ein Mensch wächst, in Gemeinschaft mit einem anderen, in Wert und Kraft; er verliert alle Angst, er entkommt jeder Falle. Die Schönheit und die Güte eines brüderlichen Lebens in Gemeinschaft sind wesentlich größer als die Schwierigkeiten, die es mit sich bringt: „Seht, wie ist es lieblich und gut, wenn Brüder beisammen wohnen in Eintracht“(Ps 133,1).

Wesen der Gemeinschaft

In unseren Gemeinschaften müssen wir versuchen, wesenhaft das Reich Gottes zu leben, um dessen Gründung willen Jesus Christus auf die Erde gekommen ist: „Das Reich Gottes… ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geist“ (Rm 14,17). Dies lässt sich mit der Heiligkeit identifizieren, mit dem, was unsere Gemeinschaft glaubwürdig macht.

Gerechtigkeit

Wir wollen, dass die Gerechtigkeit in unseren Gemeinschaften leuchtet: Jene Gerechtigkeit, welche jedem das Seine zugesteht: Gott Anbetung, dem Oberen Hochachtung und Gehorsam, dem Gleichrangigen Respekt, dem Untergebenen Dienst und allen, dem Maße der Liebe entsprechend, dieses so schöne Leben, dem weder der Morgen- noch der Abendstern an Schönheit gleichkommen.

Fröhlichkeit

Was die Freude anbelangt, Frucht des hl. Geistes und Wirkung der Liebe, so müssen wir mit allen Mitteln danach streben, dass „sich im Hause Gottes keinen Grund zu Beunruhigung und Missmut finde“ (hl. Benedikt). Die brüderliche Liebe muss immer so gelebt werden, dass derjenige, der unser Leben beobachtet, sagen kann: „Seht her, wie sie sich lieben und wie sie bereit sind, füreinander zu sterben“ (Tertullian), oder, wie man von den ersten Christen sagte: „Sie lieben sich, bevor sie sich kennen“(Minucio Felice). Es soll für jeden von uns möglich sein, dass man Biographie für ihn erstellt, indem man im Hymnus des hl. Paulus an die Korinther das Wort „Liebe“ durch seinen Namen ersetzt: „Die Liebe ist langmütig, gütig ist die Liebe. Sie ist nicht eifersüchtig, die Liebe prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sie lässt sich nicht erbittern, sie trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, freut sich vielmehr mit an der Wahrheit. Alles deckt sie zu, alles glaubt sie, alles hofft sie, alles duldet sie“(1Kor 13, 4-7). „Die Liebe,“ sagt der hl. Thomas, „ist förmlich das Leben der Seele, wie die Seele das Leben des Körpers ist“ (S. Th., II-II, 23, 2 ad 2).

Friede

Was den Frieden anbelangt, so ist auch dieser eine Frucht des hl. Geists und Wirkung der Liebe, denn mittels der Liebe ordnen wir alle unsere Neigungen auf Gott hin und diese Ordnung erschafft den Frieden.

Der wahre Frieden wird erst in unserer Heimat im Himmel vollkommen sein. Hier auf Erden ist er unvollkommen, aber dennoch können wir ihn stets bewahren, auch inmitten der Größten Widerwärtigkeiten, in den schwerstmöglichen Bedrängnissen, der Mahnung des Apostels gemäß: „Um nichts macht euch Sorgen… Dann wird der Friede Gottes, der alles Begreifen übersteigt, eure Herzen und eure Gedanken in Jesus Christus bewahren“ (Phil 4, 6-7).

Das geweihte Leben

Das geweihte Leben besteht hauptsächlich in der Befolgung der drei Gelübde von Armut, Keuschheit und Gehorsam, angetrieben von der Liebe zu Gott. Die Weihe mittels der drei Gelübde basiert auf der Weihe in der Taufe, dessen vollkommenster Ausdruck sie ist; wer sich also auf diese Weise Gott schenkt, der entspricht in höchstmöglicher Weise den Anforderungen der Taufe.

In zweiter Linie lässt sich das geweihte Leben in gewissem Sinne mit dem Martyrium vergleichen, da der Ordensmann vom selben Wunsch angetrieben wird, wie der Märtyrer: Beide nehmen den Tod in dieser Welt auf sich, um sich so vollkommen mit Christus zu vereinen und an seinem Reich teilzuhaben.

Außerdem bedeutet die Ablegung der Gelübde im wahrsten Sinne des Wortes ein Ganzopfer seiner selbst, da man sich in den Gelübden ganz Gott hingibt, ohne das Geringste zurückzuhalten: Durch das Gelübde der Keuschheit gibt man die Güter des Körpers auf, durch die Armut die äußeren Güter, durch den Gehorsam schließlich die Güter unserer Seele (nach dem hl. Thomas v. Aquin).
Schließlich ist die Ablegung der Gelübde eine wirkliche Weihe, mittels derer der Ordensmann zu etwas Heiligem wird, zum Dienste Gottes bestimmt, sein Eigentum.

Daher ist es notwendig, sterbend zu leben, oder, wie der Dichter sagt: „Wer nicht weiß zu sterben während er lebt, / der ist eitel und verrückt: jede Stunde ein Bisschen sterben / das ist die Art zu leben / … vom Tod empfange ich / neues Leben und wenn ich lebe / lebe ich vom vielen Sterben. Das ist das Geheimnis jeder übernatürlichen Fruchtbarkeit! Ales liegt daran, sterben zu können! Das ist die große Weisheit!“, „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, so bringt es reiche Frucht. Wer sein Leben liebt, verliert es. Wer aber sein Leben in dieser Welt hasst, der wird es für das ewige Leben bewahren“(Joh 12, 24-25)“(Direktorium der Spiritualität n.173).