Das Unglück, die Berufung zu verlieren

Eines Tages, als der hl. Marcellino Champagnat spazieren ging, fand er einen der frömmsten Novizen auf dem Boden kniend.


San Marcellino Champagnat

- „Wie ist das möglich? – rief er aus – „Sie wurden bestraft? Welch eine Schande!“
Der Novize senkte das Haupt und schwieg. Während der Zeit der Erholung, die dem Mittagessen folgte, traf der Pater aufs Neue mit ihm zusammen und er eilte sich, ihn zu fragen:

- „Was hast du falsch gemacht?“
- „Pater, ich habe zu viel geredet.“
- „Es scheint mir seltsam, dass sie bestraft wurden, nur um ein paar überflüssiger Worte willen.“
- „Es waren aber nicht nur zu viele Worte. Ich habe mit ihnen auch einen meiner Mitbrüder verletzt.“
- „Was hast du ihm gesagt?“
- „Bruder Luigi hat uns erklärt, was es heißt, sich in der Berufungsfrage falsch zu entscheiden und mir ist in den Sinn gekommen, zu Tizius zu sagen: „Bruder, sie haben sich in ihrer Berufung getäuscht“. Er hat sich sehr aufgeregt und mich bei Bruder Luigi angeklagt, welcher mir die Strafe auferlegt hat, die sie gesehen haben.“
- „Aber haben sie das gesagt, um Tizius auf den Arm zu nehmen? Oder aus Bosheit?“
- „Ich will ihnen bekennen, Pater, das ich damit, in gewisser Weise, mein Urteil und meine Meinung über diesen Bruder ausgedrückt habe.“
- „Noch schlimmer! Es wäre besser gewesen, Bruder Luigi aufmerksam zuzuhören. Zumindest hätten sie so gut verstanden, was es heißt, sich in der Wahl der Berufung zu vertun.“
Der ehrwürdige Pater, der jede Gelegenheit nutzte, die Brüder zu belehren, sah das einige Andere hinzugetreten waren und das Gespräch verfolgten. Er fragte:
- „Was heißt es, sich in der Frage der Berufung zu täuschen?“
- „Es heißt, sich der religiösen Kleider zu entledigen!“ antwortete einer von ihnen.
- „Aber sehen sie nicht den Unterschied dazwischen, sich in der Berufung zu vertun, und die Berufung zu verlieren? Dennoch, der Unterschied ist sehr groß. Sich in der Berufung zu vertun, sie zu verlieren, sie zu entweihen, ihr nicht treu zu sein, all das sind unterschiedliche Dinge.“
- „Pater,“ bedrängten ihn die Novizen, „erklären sie uns bitte diese Dinge. Bruder Luigi hat uns diese Einzelheiten nicht erklärt, aber trotzdem scheinen sie wichtig zu sein.“
- „Gut!“ antwortete der Pater, „ ich werde es tun. Seid also aufmerksam und behaltet diese Dinge gut im Gedächtnis.“

1) Sich in der Berufung täuschen

„Sich in der Berufung zu täuschen bedeutet, die Pläne Gottes über unser Leben zu ignorieren: unsere Berufung nicht zu kennen oder keine genaue Vorstellung von ihr zu haben. In einer derartigen Situation befinden sich diejenigen, die, im Allgemeinen gut und der Frömmigkeit zugeneigt, die Eignung zum geistlichen Leben hätten, von der Existenz religiöser Gemeinschaften aber nicht wissen oder nicht die Möglichkeit haben, ein solches Leben zu ergreifen. Für diese Personen kann, wenn sie der Gnade treu folgen, ein gut geführtes und frommes Leben in der Welt die Berufung ersetzten, die sie aus Mangel an Erkenntnis und Einsicht nicht haben ergreifen können.“

2) Die Berufung verlieren

„Die Berufung zu verlieren, nachdem man sie mit Vernunft erkannt hat und in eine Gemeinschaft eingetreten ist, bedeutet, sie vor Ablegung der ewigen Gelübde aufzugeben. Man verliert die Berufung aufgrund einer der folgenden Gründe:

- Der Missbrauch der Gnade und die Verachtung der Treue im Kleinen.
- Die ungeordnete Leidenschaft zum Studium oder für irgend eine andere Sache.
- Das gewohnheitsmäßige Nichtbeachten der Regel.
- Die geistliche Trägheit in den Frömmigkeitsübungen.
- Schwere Versuchungen begleitet von schweren und wiederholten Verfehlungen.
- Und, letztendlich, die Entmutigung, der geläufigste aller Gründe.
Um die Berufung zu verlieren reicht einer dieser Gründe, welcher, wenn man nicht darum kämpft, ihn zu überwinden, zu der Gewohnheit wird, in lässliche Sünden zu fallen, was häufig geschieht. Der Verlust der Berufung birgt schwere Konsequenzen in sich.
- Ein unglückliches Leben, da die betreffende Person nicht da ist, wo Gott sie will. Sie ist ein Glied am falschen Ort. Sie leidet und lässt den ganzen (mystischen) Leib leiden.
- Eine endlose Kette von Verfehlungen… alles wird zur Versuchung, alles zum Hindernis für denjenigen, der das heilige Leben hinter sich lässt, zu dem Gott ihn gerufen hat und der sich erneut der Welt zuwendet: Die unschuldigsten Versuchungen beflecken sein Herz; die unbedeutendsten Dinge werden verhängnisvoll für ihn; die einfachsten Pflichten werden ihm unmöglich zu erfüllen; er wird alles verlieren wegen des unrechtmäßigen Gebrauches den er davon macht; überall wird er Fallen finden, in denen er sich verfängt. Tronson sagt dazu: „Drei verhängnisvolle Konsequenzen folgen dem Aufgeben der Berufung: die Beraubung zahlreicher Gnadenschätze, ein sich Aneinanderreihen von Sünden und die Freikarte zur Hölle.“
- Das Versagen in allen Unternehmungen. Welchen Sinn hat es für einen Menschen, in einem Stand zu leben, in dem Gott ihn nicht haben will? Wer Gott wiedersteht, kann nicht auf seine Hilfe bauen. Es wird ihm zustoßen, was der Psalmist sagt: „Wenn der Herr das Haus nicht erbaut, so mühen sich die Bauleute vergeblich“(Ps 126, 1).

Diese Person kann sich in jegliche Unternehmung stürzen, alles Mögliche unternehmen, in allem wird sie versagen. Hört mich an, meine lieben Kinder, ich will euch eine Anekdote erzählen, die euch sehr gefallen wird. Sie bekräftigt das, was ich bereits gesagt habe und außerdem handelt sie von der Muttergottes, welche ihr so sehr liebt.
Die heilige Katharina von Schweden, Tochter der hl. Brigitte, litt unter gewaltigen Versuchungen, ihre Berufung aufzugeben. Ihre Mutter betete für sie und in der darauffolgenden Nacht hatte Katharina eine Vision: Sie sah die Welt in Flammen stehen. Sie selber war von allen Seiten vom Feuer umzingelt. In dieser unheilvollen Situation erblickte sie auf ein Mal die Muttergottes und ohne den Hauch eines Zögerns rief sie sie an: „Heilige Mutter Gottes, eile mir zu Hilfe!“.

„Wie bitte?“ antwortete die Muttergottes, „du verachtest die Berufung und willst in die Welt zurückkehren, wo dir so viele Gefahren drohen? Du bemühst dich, dich bei vollem Verstande in die Feuer der Hölle zu stürzen und rufst mich dabei um Hilfe an? Ich kann denen nicht helfen, die sich selber in die Gefahren stürzen wollen“.
Katharina versprach unverzüglich, der Versuchung nicht beizustimmen und dem göttlichen Ruf treu zu sein und ohne zu zögern löschte die Muttergottes das Feuer, welches drohte, alles zu zerstören. Also, meine Söhne, wenn jemand von euch sich der Versuchung ausgesetzt sieht, die Berufung aufzugeben, so möge er sich stets dieses Beispiel vor Augen halten und seine Zuflucht zu Maria nehmen.

Der Bruder, der seine Berufung dieser zärtlichen Mutter anvertraut, der wird sie nie verlieren. Schauen wir uns jetzt an, was es heißt, die Berufung zu entweihen und von ihr abzufallen.“

3) Der Abfall von der Berufung

„Von der Berufung abzufallen, heißt, sie aufzugeben, wenn es nicht mehr nur Rat, sondern Gebot ist, ihr treu zu bleiben, das heißt, nach den ewigen Gelübden. Von der Berufung abzufallen heißt, auf hohem Meer Schiffbruch zu erleiden. Die Entweihung der Berufung und der heiligen Versprachen, die man Gott gemacht hat, zieht oft den Verlust des ewigen Heiles nach sich: Sie ist ein Schiffbruch auf hoher See, ohne Möglichkeit, sicher in den Hafen zu gelangen. Sie ist der absolute Bankrott: Die ganze Heilswirtschaft, alles geistliche Glück geht mit ihr unter. Davon abgesehen gelangt man zu diesen Fällen des Wahnsinns nicht, wenn nicht durch Verbrechen, Entweihung der Gelübde und Sakramente, vollständiges Vergessen der eigenen Pflicht oder andere schwere Verfehlungen.

Es gibt nichts schlimmeres, als abgefallene Ordensleute. Von diesen sagt der hl. Augustinus: „Ich habe niemals perversere und im tiefsten Innen verdorbene Menschen gesehen, als diejenigen, die im geistlichen Leben abgefallen sind“. Nach dem hl. Robert Bellarmin sind es jene, welche von den Feigen des Jeremia dargestellt werden: ganz verdorben und voll der Würmer, so dass allein der Anblick Übelkeit erregte. Auf sie bezieht sich Jesus, wenn er sagt: „Niemand, der die Hand an den Pflug gelegt hat und noch einmal zurückblickt ist geeignet für das Reich Gottes“(Lk 9, 62). Der hl. Thomas von Aquin sagt von ihnen, dass eines der sichersten Zeichen für die ewige Verdammnis eines Menschen die Unbeständigkeit in der Berufung sei. Letztendlich bezieht sich auch der hl. Paulus auf diese, wenn er behauptet: „Es ist nämlich unmöglich, diejenigen, die einmal erleuchtet worden sind, die himmlischen Gaben gekostet haben und Anteil am heiligen Geist empfangen haben, die das herrliche Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt gekostet haben, dann aber dennoch abgefallen sind, erneut zur Umkehr zu bewegen; denn sie kreuzigen den Sohn Gottes für ihre Person abermals und machen ihn zum öffentlichen Gespött“ (Hbr 6, 4-6). Und in der Tat fügt der Apostel hinzu: „Bringt das Ackerland aber Dornen und Disteln hervor, so ist es verworfen und dem Fluch nahe, sodass es mit der Vernichtung im Feuer endet“(Hbr 6, 8). Nun verstehe ich auch, was der hl. Ignatius gesagt hat: „In einem Ordensmann, der die Gelübde bereits abgelegt hat, ist die Versuchung gegen die Berufung die gefährlichste von allen“. Aber jetzt genug, meine lieben Brüder, von diesem so traurigem und beängstigendem Thema.“

4) Die Untreue in der Berufung

„Ich will nun damit schließen, dass ich euch sage, worin die Untreue gegenüber der Berufung besteht. Der Berufung untreu sein, heißt: Nicht den Grad der Tugend und Vollkommenheit zu erreichen, zu dem Gott mich ruft, der Gnade nicht zu entsprechen, sich vor der heiligen Gewalt zu erschrecken, die es sich anzutun gilt; heißt, feige in einem Stande der Lauheit dahinzuleben.
Es bedeutet, nicht all das Gute erfüllt zu haben, das die Gnade verlangt hat, der man hätte folgen müssen und können. Jeder Ordensmann, das Streben nach Vollkommenheit und das Studium vernachlässigt, ist mehr oder weniger untreu gegenüber seiner Berufung.

Hier sind die verhängnisvollen Folgen einer solchen Untreue:
Eine endlose Menge leichterer Fehltritte, bisweilen auch schwerwiegenderer.
Ein unruhiges und unglückliches Leben: Man ist unzufrieden mit sich, mit den Mitbrüdern, sogar mit Gott.
Man sieht sich des Hundertfachen des Trostes und des Glückes beraubt, welches Jesus Christus versprochen hat.

Die Gefahr, dass man die Berufung verliert und sich von Gott verlassen findet;
eine große Angst vor dem Tod, drückender Schmerz und Schrecken in jenem letzten, beängstigenden Augenblick.
Ein langer und schmerzhafter Aufenthalt im Fegefeuer.

Seht, geliebte Mitbrüder, das ist die Erklärung, nach der ihr mich gefragt habt. Möge Gott dafür sorgen, dass ihr sie in ihrer Fülle versteht, dass ihr die Vorzüglichkeit eurer Berufung erkennt und sie treu bis zum Tode bewahrt!“