Verschiedene Ursachen

Die erste und am meisten verbreitete Versuchung: Das Aufschieben

Die größte Versuchung ist es, bei vielen Personen um Rat zu Fragen und viel Zeit verstreichen zu lassen, ohne der Berufung konkret zu folgen. Viele raten, die Entscheidung aufzuschieben und der Berufung Zeit zu geben, Gestalt anzunehmen, also ob allein das Verschieben und Verzögern das Problem lösen könnte: „Wenn die Probleme sich allein dadurch lösen würden, dass man abwartet, bräuchte es keine Regierungen“.
Der hl. Don Bosco bekräftigt: „Wer jedes Mal eine Entschuldigung findet, die Berufung aufzuschieben, der wird sie mit Sicherheit niemals verwirklichen, denn er wird immer neue Entschuldigungen finden“.

Einige argumentieren mit dem Ausspruch des hl. Apostels Johannes, der sagt, dass man nicht jeder Eingebung trauen soll, sondern die Geister prüfen muss, um zu erkennen, ob sie wirklich von Gott kommen (1 Joh 4,1) Sie wollen so zeigen, dass es angemessen ist, die Überlegungen bis ins Unendliche fortzusetzen, da sie für die Berufung eine übernatürliche Sicherheit verlangen.


S. Tommaso D’Aquino
Antwort:

Der hl. Thomas von Aquin sagt dazu, dass man nur die in sich selber gleichgültigen Fragen einer Prüfung unterziehen muss. Diejenigen Dinge aber, die in sich selber gut sind, müssen nicht erst diskutiert werden.Der selbe Heilige sagt: „wer den Eintritt in den geistlichen Stand wünscht, kann nicht zweifeln, dass dieser Wunsch vom Geiste Gottes kommt, dem alleine es zusteht, den Menschen auf dem rechten Wege zu führen (Ps 142, 10)“.

Deshalb antwortet der engelgleiche Doktor in der Summa Theologica auf die Frage, ob es lobwürdig sei, in den religiösen Stand einzutreten, ohne den Rat von vielen zu erfragen und ohne lange Überlegungen: Ja, denn es handelt sich um etwas, was Christus selber uns im Evangelium rät.

Der hl. Alfons Maria sagt dazu: „Die Erleuchtungen Gottes sind vorrübergehender Natur, nicht andauernd… Das ist eine schwerwiegende Angelegenheit! – so sprechen die Menschen dieser Welt, wenn es sich darum handelt, den geistlichen Stand zu ergreifen und ein vollkommeneres und vor den Gefahren dieser Welt sichereres Leben zu führen. Sie sagen: Für ein Vorhaben dieser Art braucht es viel Zeit zum planen und überlegen, um sich zu versichern, dass die Berufung wirklich von Gott kommt und nicht vom Teufel. Sie sprechen aber nicht so, wenn e sich darum handelt, weltliche Güter und Ehren anzunehmen, obwohl die Gefahr, in die Irre zu gehen, hier doch weit größer ist. Hier sagen sie nicht, dass vielerlei Prüfungen notwendig sind, um zu erkennen, ob dies wirklich der Wille Gottes für uns ist“. Aus diesem Grunde bekräftigt der hl. Thomas eindeutig, dass man der göttlichen Berufung zum vollkommeneren Leben so schnell wie möglich Folge leisten muss.


S. Alfonso Maria de' Liguori

Der hl. Alfons Maria sagt: „Wer der Berufung Gottes gehorchen will muss ihr nicht nur Folge leisten, sondern er muss es sofort und so schnell wie möglich tun, wenn er nicht Gefahr laufen will, sie zu verlieren“. Hier sind die Apostel uns zum Vorbild gegeben: Petrus und Andreas, die, von Jesus berufen, unverzüglich „ihre Netze liegen [ließen und ihm folgten]“(Mt 4,20); der hl. Paulus, der, die Geschichte seiner Berufung erzählend, über seine Antwort auf dieselbe sagt: „Als aber Gott, der mich schon im Mutterleib auserwählt und durch seine Gnade berufen hat, mir in seiner Güte seinen Sohn offenbarte, damit ich ihn unter den Heiden verkündige, da zog ich keinen Menschen zu Rate… sonder zog nach Arabien und kehrt dann wieder nach Damaskus zurück“ (Gal 1, 15ff).
Der hl. Johannes Chrysostomos sagt, diesen Abschnitt kommentierend: „Christus verlangt von uns unverzüglichen Gehorsam, ohne auch nur einen Moment inne zu halten“.

Die Versuchung, die Berufung aufzuschieben ist also die am weitesten verbreitete und gleichzeitig die gefährlichste Täuschung. Der hl. Johannes Chrysostomos bezeugt, dass, wenn der Teufel jemanden nicht davon abhalten kann, sich Gott zu weihen, er zumindest versucht, ihn die Ausführung desselben aufschieben zu lassen, und er sieht es schon als großen Gewinn an, wenn er nur den Aufschub eines einzigen Tages, ja einer einzigen Stunde erreicht: Denn nach diesem Tag oder dieser Stunde besteht eine weitere Möglichkeit und es wird dann leichter für ihn sein, mehr Zeit zu gewinnen, sodass letztendlich der Berufene, sich immer schwächer vorfindend, weniger unterstützt von der Gnade Gottes, fallen und die Berufung aufgeben wird. „Oh, wie viele Berufene hat der böse Feind durch solcherlei Aufschübe dazu gebracht, ihre Berufung zu verlieren“, klagt der hl. Alfons. Aus diesem Grunde rät der hl. Hieronymus demjenigen, der berufen ist, die Welt zu verlassen: „Schnell, ich bitte dich, schneide den Knoten durch, statt ihn zu lösen“. Und der hl. Alfons Maria sagt, dieses Zitat erklärend:

„Der Heilige will sagen, dass jemand, der sich in einem Boot befindet, das kurz davor steht, von den Fluten überschwemmt zu werden, versuchen würde, das haltende Tau durchzuschneiden, statt dessen Knoten zu lösen. Ebenso muss derjenige, wer sich inmitten dieser Welt befindet, danach streben, sich so schnell wie möglich von ihr zu lösen, bevor er Gefahr läuft, verloren zu gehen, was in dieser Welt so viel schneller geschieht.“

Abschließend ist zu bemerken, dass der Aufschub einen Mangel an Folgsamkeit gegenüber der Gnade Gottes beinhaltet, etwas, was offensicht den Herrn beleidigt.Der hl. Alfons erklärt: „ Gott findet großes Gefallen an einer Seele, die er schnell bereit sieht, ihm zu gehorchen und er öffnet seine Hand um sie mit Segen zu überhäufen. Ebenso missfällt ihm eine Seele, die ihm nur zögernd gehorcht und deshalb schließt er seine Hand und entfernt sich mit seinen Erleuchtungen; aus diesem Grunde werden diese Seelen nur schwerlich standhalten und die Berufung schnell aufgeben“.

Zweite Versuchung: „Meine Berufung könnte nicht von Gott sondern vom Teufel stammen“.

Man sagt: „Der Teufel kleidet sich als Engel des Lichtes und so täuscht er die Unachtsamen unter dem Anschein des Guten; deshalb ist es notwendig, eine Berufung lange zu prüfen“.
Mit Sicherheit, oft rät uns der böse Feind mit der Absicht, zu täuschen. Es ist jedoch notwendig, zu wissen, dass er nur die Sinne, die Einbildungskraft und die Gefühle täuschen kann, denn Gott allein ist es vorbehalten, im Mittelpunk der Seele (Verstand und Wille) zu wirken. Dagegen kann das authentische und innerliche Verlangen, sich Gott zu weihen, allein vom Himmel kommen.

Auch wenn der Dämon sich als Engel des Lichtes kleiden und so unter dem Anschein des Guten handelnd und redend zur Ergreifung des geweihten Lebens antreiben würde, was absurd wäre, so fiele man nicht in einen gefährlichen oder verhängnisvollen Irrtum wenn man seinen Rat in die Tat umsetzen würde. Der Eintritt in das religiöse Leben ist in sich selbst ein gutes und dem guten Engel eigenes Werk. Es gibt in diesem Fall keine Gefahr, seinem Rat zu folgen. Don Bosco sagt, dass „man der Berufung folgen müsste, selbst wenn sie vom Bösen käme, denn man muss einem guten Rat immer Folge leisten, selbst wenn er von einem Feind kommt.“ Man müsste nur dann Widerstand leisten, wenn das Befolgen des Rates uns zum Hochmut oder zu anderen Lastern führen würde.

Alles in allem handelt es sich um ein leicht zu lösendes Problem: Sollte der Teufel – oder ein Mensch – jemandem das gottgeweihte Leben vorschlagen, so hätte „dieser Vorschlag keinerlei Wirkung, wenn die betreffende Person nicht zugleich innerlich von Gott angezogen würde“. So kann der hl. Thomas kategorisch erklären: „ unabhängig davon, wer und den Vorschlag macht, uns mittels der Gelübde Gott zu weihen, dieser Vorschlag kommt immer von Gott“.

Dritte Versuchung: „Viele haben, der Berufung folgend, schwer versagt“

Wieder andere sagen: „Man muss aufmerksam prüfen, welche negativen Folgen aus der Berufung entstehen können und bei vielen um Rat fragen…, man darf das gottgeweihte Leben nicht mit der Gefahr beginnen, abzufallen oder zu verzweifeln“.

Auf diesen Irrtum antworten wir mit dem hl. Thomas, der sagt, dass der Grund des Versagen entweder das geweihte Leben in sich selber oder der Mensch, besser gesagt die eigenen Schwächen, sein können. Die Gefahr des Misserfolgs im gottgeweihten Leben besteht nur in wenigen Fällen, eine langwierige Abwägung ist also nicht nötig. Vielmehr etwas Vorsorge und Umsicht um in Zukunft nicht zu fallen. Würde man sich zu sehr vor eventuellen Misserfolgen hüten wollen könnte man wohl überhaupt kein menschliches Werk beginnen. „Wer auf den Wind achtet, kommt nicht zum Säen und wer nach den Wolken schaut, kommt nicht zum Ernten“(Koh 11,4); „Der Faule spricht: Auf dem Weg liegt ein junger Löwe, ein Löwe ist mitten auf den Plätzen“(Spr 26, 13), was so interpretiert wird: „Viele, wenn sie ermahnt werden, sagen, dass sie den Weg der Heiligkeit betreten wollen, ihm aber aus Angst vor dem Satan nicht folgen können.“

In den meisten Fällen entstehen die üblen Folgen eines solchen Misserfolgs aufgrund der Schwäche des Menschen, welcher seinen Vorsatz ändert. Aber die Tatsache, dass einige, ihr Vorhaben aufgeben und das gottgeweihte Leben verlassen und schlimmer werden als vor diesem ist kein Grund, die Zeit des Eintritts in einen religiösen Orden aufzuschieben oder zu verzögern unter dem Vorwand, besser darüber abwägen zu müssen. Im Gegenteil, dasselbe müsste man sagen von der Zustimmung zum Glauben und dem Nutzen der Sakramente. Aus demselben Grund dürfte man kein gerechtes oder gutes Werk beginnen, den es gibt Menschen, die aufgrund solcher dem Hochmut verfallen sind. Man muss sich vielmehr in der Folgsamkeit gegen den hl. Geist üben und man kann sicher sein, dass Gott es nie an den notwendigen Gnaden fehlen lassen wird, um in dem Stand auszuharren, in den er uns berufen hat.

„Wenn du wirklich die Berufung hast, kannst du sie nicht verlieren… Es ist also nicht nötig, sie zu schützen“

In der Tat steht in der Apostelgeschichte: „Wenn dieses Werk von Gott kommt, so könnt ihr es nicht zerstören“; und so gibt es einige, die ein solches Vorhaben unverzüglich aufgeben und sich rechtfertigen, indem sie sagen, dass der Wunsch zum geweihten Leben nicht notwendigerweise von Gott kommen muss, da ja in der Tat in vielen Fällen der Abfall einen solchen Wunsch zerstört hat. Hinter diesem Einwand versteckt sich das Gift einer häretischen Bosheit.

Aus dem oben angeführten Schriftzitat schlossen die Albigenser irrtümlicherweise, dass die Körper, welche verfallen, nicht von Gott geschaffen sein können und dass jemand, wenn er die Liebe oder die Gnade besitzt, nicht mehr verloren gehen kann; häretische Thesen, vielfach verworfen und widerlegt. Wenn wir auf eine solche Weise denken, kann uns das zu verhängnisvollen Fehlern führen; mit dem selben Zitat könnte man behaupten, dass, wenn der Teufel sündigte, Gott ihn nicht geschaffen haben kann; dass der abtrünnige Judas nicht von Jesus erwählt wurde; dass die Taufe des Philippus nicht Werk Gottes war, weil Simon der Magier, nachdem er diese empfangen hatte, einer Häresie verfiel. Den selben Fehler begeht, wer behauptet: „Wenn jemand nach seinem Eintritt eine Ordensgemeinschaft verlässt, so kam der Wunsch einzutreten nicht von Gott“.

Dagegen sagt der hl. Thomas: Die Pläne Gottes gehen niemals fehl, wie der Prophet Jesaia sagt:“Mein Ratsschluss wird sich sicher erfüllen und was immer ich will, das führe ich aus.“ (Is 46, 10). Gott gibt seine Gnade demjenigen, der ihn darum bittet und bleibt im Herzen desjenigen, der seine Gnade bewahrt. Daher kann eine Person, auch wenn sie berufen ist, der Gnade untreu werden und aus eigener Schuld nicht bis zum Ende ausharren. Das heißt aber nicht, dass die Berufung nicht echt gewesen wäre.

Wir habe ein eindeutiges Beispiel dafür in der Erzählung des Evangeliums über den reichen Jüngling, den Jesus selber dazu aufgerufen hat, alles zu verlassen und ihm zu folgen. Aber der Jüngling tat es nicht, da er viele Güter besaß. Er bleibt traurig zurück… (siehe Lk 18, 22-23).