Versuchungen, die vom Kandidaten selber kommen

1) Täuschungen, die der Intelligenz entspringen
“Ich bin nicht würdig, Priester zu werden”.

Niemand ist würdig, Priester zu sein in Anbetracht der erhabenen Geheimnisse, die dieser verwaltet. Niemand kann sich für würdig halten, sie zu feiern. Die Berufung ist eine außerordentliche Gnade Gottes, eine Gnade, die er uns schenkt, unabhängig von unserer Armut; wenn er sie uns schenkt, gibt er auch die notwendigen Fähigkeiten, um das Amt des Priestertums würdig auszuüben. Jeden Tag sprechen die Priester, die Bischöfe und der Papst, während sie den Leib Christi vor der Kommunion erheben: „Herr, ich bin nicht würdig…“.
Wenn unsere Unwürdigkeit ein Motiv wäre, die Berufung aufzugeben, es gäbe keinen einzigen Priester auf Erden.

"Ich habe nicht die Fähigkeiten, noch Überzeugung, noch bin ich sympathisch. Ich bin für das Apostolat nicht geeignet“.

Die Berufung setzt nicht zwingenderweise den Besitzt solcher Eigenschaften voraus. Es reicht der Ruf Gottes. Nicht einmal Mose hatte die Fähigkeiten um zu den Juden zu sprechen, dennoch hat er in bewundernswerter Weise das Werk der Befreiung Israels ausgeführt. Der gute Ordensmann setzt sein Vertrauen auf Gott, nicht auf seine eigenen Kräfte: „Die auf den Herrn vertrauen, sie gleichen dem Zionsberg, der nicht erschüttert wird, der bleibt auf ewig“.(Ps 125, 1); “Wer hat auf den Herrn vertraut und wurde verlassen?“(Sir 2, 10).


S. Agostino d'Ippona
“Ich war ein großer Sünder“, „Gott kann mir nicht einmal in die Augen schauen”.

Ein schrecklicher Fehler! Gott ruft wie er will, wann er will, wo er will und wen er will; das ganze unermessliche Meer unserer Sünden ist nichts im Vergleich mit einem kleinen Tropfen der göttlichen Barmherzigkeit. Welch ein gewaltiger Verlust wäre es gewesen, wenn der hl. Augustinus so gehandelt hätte, sich von solchen Gedanken hätte leiten lassen; dennoch, er, der ein großer Sünder war, ist dahin gelangt, Kirchenlehrer zu werden, Vater des Okzidents, einer der größten Theologen aller Zeiten. Angesichts dieser Tatsachen muss man mit einem italienischen Sprichwort antworten: „ciò che è stato è stato, non si piange sul latte versato“ - „Was war, ist gewesen. Über vergossene Milch weint man nicht“ man darf nicht um der Vergangenheit willen das unterlassen, was Gott jetzt von uns verlangt.

So hat die heilige Maria Magdalena gehandelt und ist heute einer der am hellsten leuchtenden Sterne im Himmelreich. So hat eine große Schar Heiliger gehandelt, die mehr auf die Barmherzigkeit Gottes als auf die Armseligkeit ihrer eigenen Sünden geschaut haben.

“Warum soll ich Priester werden wenn heute der gesamte Klerus und alle Ordensleute lau geworden sind?”.

Sich so zu entschuldigen, selber kein heiliger Priester zu werden, ist mehr als grob; mit dem Selben Argument könnte man sich von Besuch der hl. Messe befreien, da die anderen Kirchenbesucher ja auch keine Heiligen sind. Unser großes Vorbild, derjenige den wir nachahmen müssen, ist Jesus Christus, der uns aufruft: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“(Mt 5, 48). Er, welcher stets „derselbe ist, gestern, heute und in Ewigkeit“(Hbr 13, 8). „In ihm ist keine Sünde“(1Joh 3, 5), denn „in seinem Mund fand sich kein Trug“ (1Petr 2, 22). Er ist nicht lau, nicht progressistisch, nicht schismatisch, er hat nicht eines der Laster, die wir in einigen derjenigen beobachten können, die ein gottgeweihtes Leben führen.

“Mir gefällt der Unterricht, die Musik, die Medizin, der Gesang...”

Der Mensch, der wahrhaft liebt, hat kein Problem damit, auf eigene Interessen zu verzichten um der geliebten Person zu gefallen. Die wahre Liebe ist jene des Wohlwollens, jenes „dem anderen Gutes wollen“. Sich von persönlichen Vorlieben leiten zu lassen bedeutet, das Ziel unseres Lebens aus dem Blick zu verlieren und unsere ewigen Interessen den zeitlichen zum Opfer bringen. Es bedeutet, zu vergessen, was am Leben das wertvollste ist, oder, besser gesagt, das Ziel desselben, das man um jeden Preis erreichen muss, sollte es uns auch die Verwirklichung persönlicher Wünsche und Pläne kosten. „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, sich selber aber verliert und zugrunde geht?“(Lk 9, 25).

Die Interessen Gottes stehen über den unsrigen. Außerdem ist diese Entschuldigung irrelevant, denn auch als Priester oder Ordensmann kann bzw. soll man lehren, die Musik fördern, den körperlich Leidenden Abhilfe verschaffen…

“Als Laie der sich in kirchlichen Angelegenheiten betätigt könnte ich wesentlich mehr tun”.

Vielleicht stimmt es, und genau das muss man beurteilen, wenn man sich über die Standeswahl Gedanken macht und darüber, ob man vielleicht zum geistlichen Stande berufen ist. Aber damit man sagen kann, dass es so ist, braucht man auch wirkliche und gewichtige Gründe, die eine solche Aussage rechtfertigen. Im Allgemeinen ist diese Aussage nicht mehr als ein einfacher Konformismus, eine Absage an den Aufruf zur Heiligkeit, an jenes Vorhaben, welches das Höchstmaß anstrebt, um eines weniger großmütigen Vorhabens willen. Es ist die Aussage dessen, der lau ist, der sich allein um sein eigenes Heil kümmert, ohne jedoch die größtmögliche Heiligkeit anzustreben. Derjenige, der versucht, sich allein mit dieser Aussage zu begnügen, möge an all die Gnaden denken, die er verschwendet, wenn er der göttlichen Berufung nicht folgt und für die er eines Tages wird Rechenschaft ablegen müssen. Eines Tages könnte er vom Herrn die Worte vernehmen :“Weil du aber lau bist und weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien“ (Apk 3, 16).

“Man kann Gott überall dienen”.

Zu denjenigen, die solcherlei behaupten, sagen wir mit dem hl. Alfons: „Ja, überall kann Gott dienen, wer nicht zum geweihten Leben berufen ist, aber für den, der berufen ist und dennoch in der Welt bleiben will ist es nicht so; es ist nur schwer möglich, dass dieser ein gutes Leben führen und Gott dienen wird“.

2) Täuschungen, die vor allem den Willen anbelangen
“Ich habe eine Verlobte die ich sehr gern habe”.

Auch einige heilige Priester waren verlobt, bevor sie ins Seminar eingetreten sind. Aber was, wenn Gott zu etwas Größerem ruft? Wenn ich meine Verlobte gern habe, so muss ich ihr gerade deshalb erklären, wozu ich wirklich berufen bin; es wäre schlimmer, ihr das Leben und vielleicht ihr ewiges Heil zu ruinieren einzig um der Freude willen, ihr Mann und der Vater ihrer Kinder zu sein, obwohl Gott mich zu einem anderen Stand bestimmt hat; vielleicht hat er Gnaden für mich bereitet, die er mir nicht notwendigerweise gewähren wird, wenn ich in den Stand der Ehe eintrete, während er mich zum geweihten leben beruft und umgekehrt.

“Ich brauche absolute Sicherheit”.

Dies ist ein Fehler; es gibt einige, die, um Sicherheit in der Frage ihrer Berufung zu haben, abwarten, dass ihnen ein Engel erscheint oder die glauben, es sei notwendig, vom Pferd zu fallen wie der hl. Paulus um Klarheit zu erlangen. Die Sicherheit die wir von unserer Berufung haben können ist eine moralische, keine physische oder metaphysische; es reicht aus, wenn man aufgrund guter Gründe sagen kann, dass man Gott und dem Heil der Seelen im geistlichen Stande besser dienen kann. Der hl. Franz von Sales sagt: „Um zu wissen, ob Gott von jemanden wünscht, den geistlichen Stand zu ergreifen, muss man nicht abwarten, dass Gott selber zu ihm spricht oder ihm vom Himmel aus einen Engel schickt um ihm seinen Willen kund zu tun. Es ist auch nicht notwendig, die Berufung der Prüfung einer Schar von Doktoren zu unterziehen um so herauszufinden, ob man ihr folgen soll oder nicht; das, was zählt, ist, dass man der ersten Anregung der Gnade folge leistet, ohne sich Sorgen zu machen um künftige Widerwärtigkeiten oder Phasen der Lauheit, die sich einstellen können. Denn wenn man so handelt wird Gott dafür Sorge tragen, dass alles letztendlich zu seiner größeren Ehre gereicht“.

“Alles aufzugeben heißt mit leeren Händen zurückzubleiben!”.

Die geistliche Berufung bedeutet, alles aufzugeben und alles zu gewinnen; sie bedeutet, die Dinge dieser Welt aufzugeben um des Gesamten, um Gottes willen. Die hl. Theresa von Avila sagt:“Dieser König schenkt sich niemanden außer dem, der sich ihm ganz schenkt“. Statt sich über das zu beschweren, was wir zurücklassen müssen, sollten wir die Güte Gottes bewundern, der sich uns ganz schenken will. Wir müssen an die Worte des Herrn denken: „Niemand, der seine Hand an den Pflug legt und zurückblickt, ist tauglich für das Reich Gottes“ (Lk 9, 62). Der hl. Johannes vom Kreuz sagte: „Nachdem ich mich in das Nichts begeben habe, habe ich festgestellt, das nichts mir fehlte“.

“Bedeutet es nicht, die Welt zu fliehen wenn ich der Berufung folge?”.

Weit davon entfernt, eine Flucht zu sein, ist die authentische Berufung eine Wahl, eine Wahl für die Liebe, für die Wahrheit, dafür, sich ganz dem zu schenken, dem wir so viel schulden.

3) Täuschungen, die vor allem die Gefühle betreffen
“Ich sehe mich als Ehemann, ich kann mich mir nicht als Priester vorstellen”.

Derjenige, der wahrhaft berufen ist, sollte das „ich kann mich mir nicht als Priester vorstellen“ nicht als Zeichen ansehen, das er keine Berufung besitzt. Oft stellt uns der Teufel falsche Träume, Vorstellungen, Phantastereien vor, die nichts weiter sind als ein Erzeugnis unserer Gefühle. Die Entscheidung über meinen Lebensweg muss rational sein, nicht geleitet von Illusionen oder Wahrscheinlichkeiten die niemals in Wirklichkeit eintreten werden. Die Berufung ist keine Frage der Vorstellung, ja, im Allgemeinen ist die Berufung nicht einmal etwas sinnliches.

Pius XI. sagte: Mehr als ein Gefühl des Herzens oder eine sinnliche Anziehung, die bisweilen auch fehlen kann, zeigt sich die Berufung in der aufrichtigen Absicht desjenigen, der nach dem Priestertum strebt, zusammen mit den physischen, intellektuellen und moralischen Fähigkeiten, die ihn für diesen Stand geeignet machen“(Ad Catholici Sacerdotii n. 61). Wir müssen uns in dieser Angelegenheit von der Vernunft leiten lassen; einzig das ergreifen, was objektiv wahr ist. Es ist traurig einen Jugendlichen zu sehen, der Sklave seiner Gefühle ist, welche ihn nicht nach der klaren Vernunft und dem gesunden Menschenverstand handeln und denken lassen. Dies ist vielleicht die schlimmste und gefährlichste Rechtfertigung: derjenige, der nicht handelt, wie er denkt, wird dabei enden, dass er denkt, wie er handelt. Der hl. Franz von Sales schreibt: „Um ein Zeichen einer echten Berufung zu haben ist es nicht notwendig, eine beständige sinnliche Freude zu verspüren; es reicht, das die Absicht im höheren Teil der Seele (Verstand und Wille) bestehen bleibt; deshalb muss derjenige nicht glauben, keine Berufung zu besitzen, der, bevor er diese verwirklicht hat, sich der sinnlichen Zuneigung, die er vielleicht am Anfang hatte, beraubt sieht und stattdessen Abneigung und Ohnmacht verspürt, die ihn wanken lassen und ihm den Eindruck geben, das alles verloren sei. Nein! Es reicht das der Wille, den göttlichen Ruf nicht abzuschlagen, konstant bleibt und er eine gewisse Neigung zu diesem verspürt“.

“Was für eine Schande wenn ich wieder austrete!”.

Eine größere Schande wäre es, am Tage das Gerichtes vor Gott treten zu müssen, ohne getan zu haben, was er wollte. Es ist keine Schande, aus einem Noviziat oder Konvent auszutreten; ganz im Gegenteil: In dem Fall, dass es authentische Gründe für den Austritt gab, ist diese Seele vielmehr würdig des Lobes für ihre Aufrichtigkeit, denn sie hat sich in allem nur von übernatürlichen Beweggründen leiten lassen. Es ist ein Mensch mit Prinzipien, der aus seinem Leben ein Loblied an den Willen Gottes macht. Schändlich aber ist nur die Sünde.

“Es gefällt mir nicht. Ich mag die Frauen. Ich mag die Kinder”.

All das ist logisch und normal; es wäre bedenkenswert, wenn es anders wäre. Wir müssen aber verstehen, dass Gott der „einzige Herr ist, der es verdient, dass man ihm dient“, und dass „ihm dienen bedeutet, zu herrschen“. Außerdem wird die geistliche Vaterschaft im Priestertum auf vortreffliche Weise verwirklicht.

Abschließend lässt sich sagen, dass all das falsche Ausreden, Irrtümer, Feinheiten, Sehnsüchte und Gefühle sind, mit denen der Teufel junge und weniger junge Menschen zu täuschen versucht, damit sie sich von ihrer Berufung entfernen; dies sollte uns helfen, den gewaltigen Wert einer Berufung zum gottgeweihten Leben zu erkennen, ebenso wie die großen Anstrengungen, welche der Teufel unternimmt, um eine berufene Seele von Gott zu entfernen; denn, wie der hl. Don Bosco sagt: „Die Berufung ist das ‚Hauptrad‘ im Leben“, wobei er sich auf die antiken Uhren bezieht, die hauptsächlich eine Achse besaßen, hier ‚Hauptrad‘ genannt, deren Bruch die ganze Uhr unbrauchbar und unreparierbar machte. Das selbe lässt sich von jeder Berufung sagen.