Versuchungen von Seiten der Angehörigen


S. Girolamo
Versuchungen von Seiten der Angehörigen

Normalerweise ist es sehr schädlich für die Seelen, die das geistliche Leben ergreifen wollen, wenn sie sich von den Ratschlägen der eigenen Familienmitglieder leiten lassen, welche für gewöhnlich (ohne damit leugnen zu wollen, dass es Eltern gibt, die nach übernatürlichen Maßstäben urteilen) mehr auf die eigenen Gefühle und auf den Schmerz, der ihnen durch ein sich Entfernen der Kinder bereitet würde, achten, als auf den Willen Gottes für diese. Sehen wir und einige Beispiele an.

Es sind besonders die Eltern, die als erste anfangen, sich zu beschweren: „ Du lässt mich allein“; „Du kannst mich doch nicht so zurücklassen“. Sie versuchen so, Einfluss auf die Entscheidung der eigenen Kinder auszuüben. Normalerweise würden sie so etwas nicht sagen, wenn das Kind heiraten oder in ein fernes Land ziehen würde. Diese Eltern suchen, auf egoistische Weise und oft vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein, nicht das wahrhaft Gute und die Vollkommenheit für die eigenen Kinder, denn sie wollen nicht zulassen, dass diese die wahren Jünger Christi nachahmen, die alles verlassen haben und ihm nachgefolgt sind (Lk 5, 11). Jesus selber hat jenem Jüngling, der seine Eltern begraben wollte, gesagt: „Folge mir nach und lass die Toten ihre Toten begraben“ (Mt 8, 22). „Einige Eltern“, sagt der hl. Don Bosco „ziehen es vor, dass sich die eigenen Kinder an ihrer Seite verdammen, vielmehr als dass sie sich von ihnen entfernen und gerettet werden“. Daher ruft der hl. Bernhard aus:“Oh Vater ohne Herz! Oh grausame Mutter! Ihr Trost ist der Tod des Sohnes; lieber ist es ihnen, wenn er bei ihnen verloren geht, als dass er ohne sie herrsche“.

Man muss es vermeiden, bei den Angehörigen um Rat zu fragen. Darauf bezieht sich der hl. Hieronymus, wenn er die Einwände aufzählt, die diese für Gewöhnlich vorbringen: „jetzt – so sagt er – umarmt dich deine verwitwete Schwester mit Zärtlichkeit; deine Diener, mit denen du aufgewachsen bist, sagen dir: Wem sollen wir dienen, wenn du uns verlässt? Dein Ziehvater, der nach deinem natürlichen Vater den zweiten Platz in deinem Herzen besitzt, fleht dich an: warte ab, bis wir sterben und du uns begraben hast; unser listiger Widersacher, wenn er sich aus dem Herzen der Guten vertrieben sieht, sucht diejenigen auf, welche jene lieben. Und durch ihre verführerischen Worte sucht er, diejenigen zu betören, die er verloren hat, indem er sie glauben macht, sie seien mehr geliebt als irgendjemand sonst ; während er so ihr Herz mit der Kraft der Liebe durchbohrt, kann er ohne weiteres das Schwert seiner Einflüsterungen bis in die innersten Grundfesten ihrer Rechtschaffenheit stoßen.“


Es gibt andere, die ihre Kinder bedrängen, indem sie sie glauben machen, dass sie mit Sicherheit versagen werden: „Das wirst du niemals durchziehen“, „Du wirst es bereuen. Du wirst keinen Erfolg damit haben“. Anfechtungen, die sie nicht machen würden, wenn es sich um die Schließung einer Ehe handeln würde, obwohl sie in diesem Stand den Anfechtungen des bösen Feindes viel stärker ausgesetzt wären. Es scheint nicht sehr vernünftig, ein Versagen in einer Umgebung zu erwarten, wo man vor allem versucht, den Willen Gottes zu erfüllen und wo man alle Mittel zur Hand hat, um im geistlichen Leben voranzuschreiten; stattdessen müsste man sehr viel mehr Angst um diejenigen haben, die inmitten all der Anfechtungen der heutigen Welt versuchen, wirklich christlich und heilig zu leben und die dabei sehr viel mehr zu kämpfen haben werden, um mit ungeteiltem Herzen Gott alleine zu lieben.

Wieder andere sagen: „Es ist der einzige Sohn“, „Gott kann ihn uns nicht wegnehmen“. Auch Isaak war der einzige Sohn des Patriarchen Abraham, und dieser zögerte nicht, ihn Gott zu opfern, als dieser ihm seinen Willen kundgetan hatte. Auch Christus war Einzelkind. Dieser Einwurf hat keinerlei Wert. In der Geschichte der Kirche mussten unzählige Eltern ihre eigenen Kinder Gott überlassen, damit aus ihnen jene großen Heiligen würden, die heute durch ihr Leben die Welt erleuchten.

„Mein Vater stellt sich mir entgegen“, beschweren sich einige junge Leute, die sich fühlen, als ständen sie zwischen zwei Feuern: Zwischen dem, was Gott von uns will und dem, was die Eltern wünschen. Diese Menschen müssen verstehen, das unsere leiblichen Angehörigen sich normalerweise von ihren Gefühlen leiten lassen und deshalb mit allen Mitteln versuchen, das sich Entfernen der Kinder zu verhindern. Man muss sich die Worte des Herrn in Erinnerung rufen: „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert“ (Mt 10, 37). Wie viele sind, die gute und heilige Ordensleute werden könnten, es aber nicht schaffen, diese Versuchung zu überwinden! Der heilige Alfons Maria von Liguori sagte, dass er die größte Versuchung seines Leben in dem Moment zu bestehen hatte, in dem er sich von seinem Vater verabschieden wollte und dieser ihn drei Stunden lang umarmt hielt und ihn unter Tränen bat, ihn doch nicht alleine zu lassen; die Christenheit wird immer dankbar sein für die Großherzigkeit, die derjenige in diesem Moment hatte, der später einmal einer der größten Heiligen und Kirchenlehrer werden sollte.

Der Respekt auf die Menschen der uns darüber nachdenken lässt, „was wohl die anderen (die Angehörigen) sagen werden“ hat schon manch einen von seiner Berufung abgehalten. Als wäre es notwendig, sich erst um die Meinung der Familienangehörigen zu kümmern und dann um die Meinung Gottes. Wenig zählt die Meinung der Menschen, wenn der Wille Gottes klar ist. Es wäre ein unaussprechlicher Verlust, auf die Güter des geistlichen Lebens zu verzichten aus Sorge um das, was „die anderen sagen werden“, besonders wenn dieses Gerede von Angehörigen kommt, die wenig auf die Religion und das ewige Leben geben, wie es meistens der Fall ist. „Ob es vor Gott recht ist, euch mehr zu gehorchen als Gott, darüber urteilt selbst“(Apg 4, 19).


Gelegentlich sind es die Familienangehörigen selber, die die Opfer des gottgeweihten Lebens aufbauschen: „es ist ein sehr opferreiches Leben“, „das ist zu anstrengend“, „du wirst es nicht lange ertragen“. Sicher, es ist ein Leben des Opfers, den derjenige, der sich Gott weiht, sucht nicht die Bequemlichkeit die die Welt ihm anbietet, sondern vielmehr Christus, der aus Liebe zu ihm am Kreuz gestorben ist. Der gute Ordensmann erleidet ein lebendiges Martyrium, aber es ist gerade dieser königliche Weg des Kreuzes, der ihm hier auf Erden, und noch mehr einst im Himmel, das wahre Glück schenk. Diese Angehörigen vergessen, dass der Herr denjenigen, die ihm folgen, in diesem Leben das Hundertfache versprochen hat und, darüber hinaus, das ewige Leben; wenn er schon die Vögel des Himmels nährt und die Lilien des Feldes kleidet, so wird er mit Sicherheit niemals diejenigen verlassen, die sich ihn ganz hingegeben haben. Denn, wie die heilige Theresa von Avila sagt: „Der Herr wird niemals diejenigen verlassen, die alles für ihn aufs Spiel setzen“.

Wenn er uns ruft und wenn wir uns ihm mit wahrer Liebe schenken so wird er uns auch die Gnade geben, alle Schwierigkeiten zu überwinden, die wir auf unserem Weg zum Himmel überwinden werden müssen. Deshalb sind die guten Ordensleute, inmitten aller Kreuze, die glücklichsten Menschen auf Erden. Don Bosco ermutigte seine Salesianer: „fürchtet nicht, dass euch die notwendigen Kräfte fehlen werden, um die Pflichten zu erfüllen, die euch der geistliche Stand auferlegt; Im Gegenteil, habt großes Vertrauen, denn Gott, der das Werk begonnen hat, wird alles so fügen, dass diese Worte des hl. Paulus ihre volle Erfüllung finden: „Er, der das gute Werk in euch begonnen hat, wird es auch vollenden bis zum Tage Christi Jesu“.(Phil 1,6)

„Ich bin seine Mutter, ich weiß am besten, was gut für ihn ist“. Niemand zweifelt daran, dass alle guten Mütter das Beste für ihre Kinder wollen. Aber es geschieht sehr leicht, dass, wenn sie über das Weggehen des Kindes um Rat gefragt werden, sie sich mehr von ihren Gefühlen als vom Verstand leiten lassen; normalerweise ist das, „was gut für ihn ist“, immer, dass er in ihrer Nähe bleibt.